Internationale Solidaritätsreflexion

Solidarität mit den Schutzbedürftigen

November 2023 – pdf 44 KB

Einleitung

Als ein Grundsatz der katholischen Soziallehre bedeutet Solidarität, dass wir unsere Verbundenheit mit allem, was Gott geschaffen hat, erkennen und aktiv zusammenarbeiten und uns für das Gemeinwohl einsetzen. Sie ist eine moralische Tugend und eine soziale Haltung, die aus der persönlichen und gemeinschaftlichen ökologischen Umkehr in unserer Menschlichkeit erwächst; wir bemühen uns, im Geist der Einheit zwischen Völkern, Nationen und Organisationen rechte Beziehungen aufzubauen. Für uns als Laudato Si‘ Kongregation ist Solidarität eine Frage der Gerechtigkeit (vgl. LS 159): zu erziehen, unsere Stimme zu erheben und uns eizusetzen für die Würde allen Lebens. „Berufen zur Solidarität mit der ganzen Schöpfung sind wir bereit, persönlich und gemeinschaftlich alles zu riskieren, was wir sind und was wir haben, um der Sendung Jesu Christi willen.“ (Aufruf zur Solidarität, 22. Generalkapitel)

Aufruf zum Gebet

Gott, lass uns besser verstehen, was es wirklich bedeutet und wie es aussieht, mit unseren Brüdern und Schwestern eins zu sein, wenn wir uns bemühen, unseren Aufruf zur Solidarität mit den Schwachen zu leben.

Experience

Wenn sie aufgefordert werden, auf ein Problem zu reagieren, das die Rechte der indigenen Völker betrifft, wird von Aktivisten erwartet, dass sie diese vertreten und für Gerechtigkeit kämpfen. Vor nicht allzu langer Zeit beschloss unsere Regierung, sich mit dem Militär der USA zu treffen und ein Abkommen über den Bau eines neuen Krankenhauses auf dem Militärgelände auszuarbeiten. Das Militär sollte das Land für 50 Jahre an die Regierung von Guam verpachten. Um es kurz zu machen: Das fragliche Land wurde von der US-Regierung während des Zweiten Weltkriegs unter dem Deckmantel der Enteignung genommen. Eine Rückgabe von Land an indigene Grundbesitzer erfolgte nie. Das Abkommen wurde vom U.S. Militär ausgearbeitet und dem Gouverneur von Guam zur Unterschrift vorgelegt. Von Anfang an war es der Bevölkerung nicht gestattet, an den geschlossenen Sitzungen teilzunehmen. Eine Gruppe von Bürgern ließ über die Radiosender die Bevölkerung wissen, was sie von diesem Vorhaben hielt. Sie beklagten sich: „Wie kann es das Militär wagen, uns für die Nutzung unseres eigenen Eigentums anzuklagen? Warum werden wir aus der Diskussion ausgeschlossen? Wo sind unsere gewählten Vertreter?“

Es lag nicht daran, dass die Menschen sich nicht gegen den Bau eines neuen Krankenhauses ausgesprochen hätten. Vielmehr lag es daran, dass es den Menschen an Respekt und an einem Forum fehlte, um ihre Meinung darüber zu äußern, wie das US-Militär „…die Satzungen übertreten, das Gesetz verletzt und den ewigen Bund gebrochen hat“ (Jes 24, 5). Ob Sie es glauben oder nicht, das Volk im Allgemeinen, gewählte Gesetzgeber, gewählte Generalstaatsanwälte, Jugendliche und Aktivisten standen in dieser Angelegenheit vereint auf und protestierten gegen den Gouverneur und das US-Militär durch ein einfaches Medium: Radiosender. Die grundlegende Lektion für die indigene Bevölkerung ist, dass man kein Aktivist sein muss, um zu protestieren. Jeder kann dem Aufruf folgen, sich mit anderen solidarisieren und Entscheidungen für das Gemeinwohl treffen. Solidarität bedeutet, aktiv zusammenzuarbeiten und sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Es ist ein Geist, der offen ist für den Dialog und gewaltfreie Antworten. Der Dialog zielt darauf ab, aufzubauen, statt zu zerstören, zu vereinen, statt zu spalten. Gemeinsam hoffen wir auf die Zusage im Buch Levitikus: „Erklärt, dieses fünfzigste Jahr für heilig und ruft Freiheit für alle Bewohner des Landes aus! Es gelte euch als Jubeljahr. Jeder von euch soll zu seinem Grundbesitz zurückkehren, jeder soll zu seiner Sippe heimkehren.“ (Lev 25, 10)

Reflexion

Als Tugend steht die Solidarität im Kontext von Freiheit und Gerechtigkeit. Solidarität in der Menschheitsfamilie bedeutet ein besonderes Engagement für die Schwächsten und Ausgegrenzten in unserer Mitte. Die natürliche Einheit der Menschheitsfamilie kann nicht voll verwirklicht werden, wenn Menschen unter den Übeln von Armut, Diskriminierung, Ungerechtigkeit, Unterdrückung, erzwungener Migration, Sklaverei und sozialer Entfremdung leiden, was zum Ausschluss von einer sinnvollen Teilhabe an der größeren Gemeinschaft führt.

Die erste Erfahrung von Solidarität machen wir vielleicht in unseren Familien, wo wir in Liebe und Einheit miteinander verbunden sind. Jede einzelne Familie ist dazu berufen, ein Ausdruck von Liebe und Solidarität und ein Zeugnis dafür in der Welt zu sein. Unser gemeinsames Menschsein verbindet uns unmittelbar und unwiderruflich mit dem Rest der Menschheitsfamilie durch eine bewusst gewählte und praktizierte sinnvolle Beteiligung. Die Bereitschaft zur Teilhabe bei gleichzeitigem Streben nach sozialer Gerechtigkeit ist die soziale Tugend der Solidarität. Solidarität ist also die Akzeptanz unseres sozialen Wesens und die Bekräftigung der gemeinsamen Bindungen, die über Grenzen, Ideologien und Eigeninteressen hinausgehen und die jedem Menschen innewohnende Würde anerkennen.

In besonderer Weise ermutigt die Solidarität das Streben nach Gleichheit und Gerechtigkeit auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene. Ihr sicherstes Fundament sind der Glaube und die Würde des Lebens. Ein wahrer Humanismus beinhaltet die Liebe und den Respekt für jeden einzelnen Menschen. In unserer gefallenen Welt wird jedoch nur die Anerkennung der Identität Gottes und der Einheit in Christus die Verwirklichung der Solidarität als Grundlage für eine bessere zukünftige Weltordnung gewährleisten. Sie ist eine soziale Tugend, die viele Früchte und Segnungen hervorbringt, die in verschiedenen Formen auftreten und das gesamte Leben betreffen. Sie führt zu einer gesunden Gesellschaft, einer florierenden Wirtschaft, zur Fürsorge für die Menschen am Rande der Gesellschaft und zu Strukturen, die die Familie schützen. (‘Solidarity: The Fundamental Social Virtue”, by Rev. Robert A.Sirico, July, 2010)

Fratelli Tutti ruft auf zu einem erneuerten Engagement für soziale Verantwortung und zu Bemühungen um eine gerechtere Gesellschaft. Sie fordert Einzelpersonen und Gesellschaften auf, Spaltungen zu überwinden, den Dialog zu fördern und sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Sie ermutigt zu einem Gefühl der gemeinsamen Verantwortung füreinander und setzt sich für eine weltweite Kultur der Solidarität ein, die sich die Grundsätze des Mitgefühls, der Gerechtigkeit und der Zusammenarbeit zu eigen macht.

Aktion

  • Denken Sie über den „Wert der Solidarität“ in Fratelli Tutti #114-117 nach. Wie würde Ihr Engagement für die Solidarität mit den Schwachen aussehen?
  • Wie können wir offen bleiben, beobachten, erkennen und auf solche Entbehrungen und ungerechten Systeme reagieren? Was ist das „Mehr“ in unserem Aufruf und in unserer Antwort, mit den Schwachen zu „leiden“?
  • Die Situation in Guam gehört zu einer der vielen Kämpfe der indigenen Völker in unserer Welt. Wenn Sie in der Lage sind, etwas in Solidarität mit den Indigenen zu tun, was würde das sein? Sprechen Sie darüber in Ihrer Gemeinschaft.

Abschließendes Gebet

Gott, Vater von uns allen, rufe uns auf, wahre Brüder und Schwestern in Jesus zu sein. Lass unser Bemühen um Solidarität mit deiner ganzen Schöpfung in den Worten Jesu wurzeln: „…Was ihr dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern tut, das tut ihr mir.“ Amen.

Vorbereitet von Connie Guerrero, SSND Assoziierte & Schwester Francine Perez Asien-Ozeanien, für das Internationale Shalom-Netzwerk. Grafik von der Richtungweisenden Erklärung, 24. Generalkapitel.